Sie ist viel mehr als nur eine Straße: Die Route 66 steht für Freiheit, Abenteuer und den amerikanischen Traum auf vier Rädern. 1926 eröffnet, zieht sich die „Mother Road“ von Chicago bis Santa Monica – doch in Arizona zeigt sie sich von ihrer ursprünglichsten Seite. Zwischen Westernflair, staubigen Serpentinen und leuchtenden Neonschildern wird Geschichte erlebbar. Zum 99. Geburtstag der legendären Strecke lohnt ein genauer Blick auf die Orte, Menschen und Geschichten, die diesen Mythos am Leben halten.
Oatman: Wo Esel das Tempo vorgeben

Der kleine Ort Oatman in Arizona wirkt wie aus der Zeit gefallen. Zwischen rostbraunen Felsen und knisternder Wüstenluft stehen Esel mitten auf der Straße, als gehörte ihnen die Route 66. Und tatsächlich – sie tun das mit einer Selbstverständlichkeit, die selbst Harleyfahrer im Schritttempo ausweichen lässt.
Der ehemalige Goldgräberort ist längst Geisterstadt und Touristenmagnet zugleich. Die alten Saloons, das ausrangierte Gefängnis, kleine Läden und Handwerksateliers entlang der Main Street schaffen eine Kulisse, die jedes Western-Klischee bedient – und doch völlig echt wirkt. Besucher schlendern vorbei an geschnitzten Holzschildern und staubigen Fensterläden, während eine inszenierte Schießerei die Szenerie vervollständigt.
Dass sich Hollywoods Elite einst hier wohlfühlte, überrascht kaum: Clark Gable und Carol Lombard verbrachten 1939 ihre Flitterwochen im „Oatman Hotel“. Die Esel scheinen es ihnen seither nie übel genommen zu haben.
Sitgreaves Pass: Zwischen Abgrund und Aussicht

Die Straße verengt sich, der Blick schweift über schroffe Felsen und karge Berghänge – und plötzlich tauchen sie auf: die legendären Serpentinen des Sitgreaves Pass. In den Black Mountains gelegen, gehört dieser Abschnitt zu den eindrucksvollsten der Route 66 in Arizona. Früher mussten schwache Fahrzeuge rückwärts die steilen Kehren erklimmen, um überhaupt eine Chance gegen die Steigung zu haben. Heute sind es vor allem Wohnmobile und Motorräder, die sich vorsichtig die engen Kurven hinaufschrauben.
Wer die Aussicht genießen will, findet auf dem Gipfel mehrere Haltepunkte mit Blick über die weite Wüstenlandschaft. Staub tanzt im Gegenlicht, der Wind trägt Hitze und Geschichte zugleich mit sich – ein Ort, der für viele mehr als nur ein Fotostopp ist: ein Beweis, dass Abenteuer manchmal ganz nah am Asphalt liegen.
Cool Springs: Tankstelle mit Filmgeschichte

Wer den Pass hinter sich lässt, wird bald von einem Relikt der 1960er empfangen: Die Tankstelle von Cool Springs steht wie eine Erinnerung aus vergangener Zeit mitten im Nichts – und wurde nicht ohne Grund schon zum Filmset. In „Universal Soldier“ war sie Schauplatz für Jean-Claude Van Damme, heute ist sie lebendiger denn je.
Motorräder parken in Reih und Glied, aus einem alten Radio tönt leise Rockmusik. Im Inneren: ein kleiner Laden, liebevoll kuratiert mit Erinnerungen an die goldenen Jahre der Route 66. Alte Zapfsäulen, rostige Schilder und jede Menge Route-66-Embleme machen den Ort zu einer Zeitkapsel mit Charme. Für viele Reisende ist Cool Springs nicht nur eine Pause – sondern ein Kapitel der Straße, das man erlebt haben muss.
Kingman: Geschichte zum Anfassen

Kingman ist vieles – aber vor allem ein Ort, an dem die Geschichte der Route 66 spürbar wird. Das Route 66 Museum im Herzen der Stadt erzählt die Entwicklung der Straße von ihren Anfängen bis zum Kultstatus. Detaillierte Ausstellungen, Originalfahrzeuge und multimediale Elemente machen den Besuch zu mehr als nur einem Blick zurück.
Auch außerhalb des Museums ist Kingman durchzogen von Nostalgie: Herzförmige Stempel auf Postkarten, Schaufenster voller Türkis-Schmuck und Mikrobrauereien, die Craft Beer mit Lokalkolorit servieren. Besonders beliebt ist die Audiotour durch die Stadt, die Besucher zu historischen Punkten und kleinen Geheimtipps führt.
Und wer sich in der Abendsonne auf ein kühles Bier niederlässt, spürt: Hier ist die Route 66 nicht Kulisse, sondern Teil des Lebensgefühls.
Hackberry General Store: Tankstelle als Gesamtkunstwerk

Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar. Doch wer am Hackberry General Store anhält, merkt schnell: Diese alte Tankstelle ist ein Erlebnis. Draußen parkt ein rostiger Ford „Tin Lizzie“, daneben stapeln sich Emailschilder, quietschbunte Neonschriften und Fundstücke aus sieben Jahrzehnten. Innen: ein liebevoll überfüllter Souvenirshop, in dem jeder Gegenstand eine Geschichte zu erzählen scheint.
Besucher stöbern durch Blechdosen, alte Landkarten, Aufkleber und Postkarten. Kinder fotografieren sich vor dem Oldtimer, Erwachsene fachsimpeln über Fahrzeugmodelle vergangener Zeiten. Der Hackberry Store ist mehr als ein Zwischenstopp – er ist ein Ort, an dem das Herz der Mother Road weiter schlägt.
Seligman: Der Barbier, der die Route rettete

Wenn eine Geschichte den Mythos der Route 66 verkörpert, dann ist es die von Angel Delgadillo. Der Friseur aus Seligman weigerte sich in den 1980ern, das Sterben der alten Straße hinzunehmen. Mit der Eröffnung der neuen Interstate blieben die Kunden aus – doch Delgadillo machte aus der Not eine Bewegung. Er gründete eine Initiative, die die Anerkennung der Route 66 als „Historic Highway“ durchsetzte.
Heute ist sein Friseursalon ein Kultort, geführt von seiner Familie. Nur wenige Meter weiter liegt „Westside Lilo’s Café“, eines der ersten Souvenirgeschäfte der Strecke, betrieben von einer Frau mit deutschen Wurzeln. Seligman ist kein Ort, den man einfach besucht – er ist eine Geschichte, die man mitnimmt.
Williams: Nachtleben im Neonlicht

Wenn die Sonne untergeht, erwacht Williams zum Leben. Entlang der Hauptstraße leuchten Neonlichter in Blau, Pink und Rot. Aus alten Diner-Lautsprechern dröhnt Rock ’n’ Roll, Motorradfahrer treffen sich auf Parkplätzen, Fotografen stellen ihre Stative auf. Der Ort gilt nicht nur als Tor zum Grand Canyon, sondern auch als nostalgischer Hotspot für Fans der 1950er und 60er Jahre. Schilder, Jukeboxen und Elvis aus der Konserve sorgen für echtes Retro-Feeling.
Ein Spaziergang durch Williams ist wie eine Zeitreise – und der perfekte Ort, um das Flair der Route 66 bis tief in die Nacht zu spüren.
Flagstaff: Kultur, Craft Beer und Geschichte

Flagstaff kombiniert die Geschichte der Route 66 mit urbanem Charme. Das alte Santa Fe-Zugdepot ist heute Besucherzentrum und Startpunkt der „Walk the Talk“-Tour – einer geführten Route durch die Highlights der Innenstadt, die die Geschichte der Mother Road aufleben lässt. Auf dem Weg liegen historische Gebäude, liebevoll gepflegte Fassaden und kleine Läden mit ausgewähltem Sortiment.
Am Abend zieht es viele in die Mother Road Brewing Company: Dort trifft Craft Beer auf gesellige Atmosphäre. Das berühmte Weatherford Hotel mit seiner markanten Architektur erzählt Geschichten aus einer anderen Zeit – und ist dennoch mitten im heute verankert.
Winslow: Musik und Mythos

Ein Song machte diesen Ort weltberühmt: „Take it Easy“ von den Eagles. Wer durch Winslow fährt, kommt an der legendären Straßenecke nicht vorbei. Ein roter Pick-up steht wie im Liedtext am Rand, Gitarrenmusik klingt durch die Luft, und auf dem Gehweg posieren Touristen für Fotos.
Der nahegelegene „Standin’ on the Corner Park“ ist ein kleines Freilichtmuseum, das dem Song ein Denkmal setzt. Winslow ist ein Paradebeispiel dafür, wie Popkultur und Ortsgeschichte verschmelzen – und wie ein Lied eine Stadt auf ewig mit der Route 66 verbinden kann.
Holbrook: Schlafen im Stein-Tipi

In Holbrook verschmelzen Nostalgie und Übernachtungskomfort. Das „Wigwam Motel“ ist eines der berühmtesten Motels entlang der Strecke – Gäste schlafen in steinernen Tipis, vor denen stilgerecht Oldtimer parken.
Wer durch die Stadt schlendert, entdeckt die größte gemalte Route-66-Karte der Region, auf einer Mauer verewigt. Von Holbrook aus lohnt sich ein Abstecher in den Petrified Forest. Die versteinerte Landschaft, durchzogen von bunten Felsen, wirkt wie ein Gemälde – surreal, faszinierend und einzigartig. Ein idealer Ort, um innezuhalten.
Der Ursprung der Legende
Dass die Route 66 mehr als nur eine Straße ist, liegt auch an ihrer literarischen Bedeutung. In John Steinbecks Früchte des Zorns wird sie zur „Mother Road“, zur letzten Hoffnung für eine Familie, die in der Wirtschaftskrise alles verliert. Der Roman machte die Route zu einem Symbol für Aufbruch, Flucht und Sehnsucht – eine Bedeutung, die sie bis heute trägt. Die schwere Realität der damaligen „Dust Bowl“-Flüchtlinge, die durch Sandstürme und Armut Richtung Kalifornien zogen, wird im Museum in Kingman anschaulich vermittelt.
Es ist diese Mischung aus Geschichte, Emotion und Mythos, die den Ruf der Route 66 bis heute prägt.